Krefeld (RP) Jede Menge Erkrankungen, aber die Premiere war ein voller Erfolg. Michael Sturm zeigt "Zar und Zimmermann" mit Humor, Augenzwinkern und einer Portion historischem Ernst. Der Theater-Chor hat glanzvolle Auftritte und tanzt sogar.
Ein Glanzpunkt in der Inszenierung ist der Holzschuhtanz, den nicht das Ballett übernimmt, sondern der Chor. Neben Zar und Zimmermann (hinten: Markus Heinrich) haben die Choristen hier die Hauptrollen. Foto: Matthias Stutte
Nach ruhigem Seegang sah das nicht aus: Wenn vor der Vorstellung der Theaterintendant auf die Bühne tritt, verheißt das meistens nichts Gutes. Vor der Premiere von "Zar und Zimmermann" hatte Jens Pesel ein Päckchen Hiobsbotschaften: Kapellmeister Ken Duryea war vor der Generalprobe krank geworden – für ihn übernahm Chordirektor Heinz Klaus die musikalische Leitung. Martin Koch fiel als Marquis von Chateauneuf aus – und wurde von Mark Bowman-Hester ersetzt. Und auch Christoph Erpenbeck in der Dreh- und Angelrolle des Bürgermeisters van Bett war angeschlagen, trat aber auf. Doch abgesehen von ein bisschen Husten büßte die Premiere keinen Glanz ein – das Publikum applaudierte begeistert. Das zeigt, welche Qualitäten im Ensemble der Vereinigten Städtischen Bühnen versammelt sind. Und für Lortzings Komische Oper hieß es: volle Kraft voraus.
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Die ganze Welt ist Delfter Blau. Vier verschiebbare Prospekte dominieren die Bühne, die Stefan Rieckhoff im Biedermeierstil möbliert hat. Sie sind blau wie das Meer, auf dem die gemalten Schiffe segeln, blau wie Delfter Kacheln, blau wie die Signalfarbe der Romantik. Denn Regisseur Michael Sturm hat Lortzings Oper in der Entstehungszeit gelassen, im Biedermeier. Sturm wollte, dass die vielen politischen und gesellschaftlichen Anspielungen des Werks nicht im Bemühen um Zeitgeist verloren gingen.
Einige Tage Gefängnis hat Lortzing die Geschichte um die beiden Peter eingebracht – Zaren Peter, der inkognito in der kleinen niederländischen Hafenstadt Saardam den Schiffsbau auskundschaften will, und den Zimmergesellen, einen Deserteur, der irrtümlich für den russischen Herrscher gehalten wird. Denn der korrupte Bürgermeister van Bett war für das Publikum der Uraufführung 1837 in Leipzig nur allzu gut erkennbar.
Heute kennen nur noch Historiker die Bezüge. Dennoch hat Sturm der komischen Oper einen soliden ernsten Unterbau gegeben. Drei totenbleiche Männer tauchen leitmotivisch immer wieder auf – Verweise auf Völkerschlacht und 1948er Revolution. Und dem Zaren erscheint ein gekröntes Kind – die eigene verlorene Kindheit eines Regenten. So wird aus der Komischen eine eher poetische Oper.
Allerdings eine mit Humor. Die Musik, die seit 150 Jahren wegen ihrer Ohrwurm-Qualität Dauerbrenner auf deutschen Bühnen ist, gehen die Niederrheinischen Sinfoniker voller Spielfreude an. Heinz Klaus lässt sie donnern und grollen wie ein Sturm auf See, plätschern und melodisch auslaufen. Es ist ein Abend für den Chor. In den Volksweisen kann er eine breite Klangvielfalt beweisen, vom deftigen Festgesang bis zum wunderbaren "Der Mond ist aufgegangen", das den blauen Bühnenhimmel nochmal so romantisch wirken lässt. Und im Holzschuhtanz, nach der Choreografie des Musiktheatermitglieds Luis Lay, zeigen die Choristen, dass sie sich auch anmutig bewegen können.
Mit aristokratischer Haltung gibt Michael Kupfer den Zaren. Und er verfügt auch über die leisen, fast brechenden Töne, ohne an Bühnenpräsenz zu verlieren. Markus Heinrich ist ein wackerer Zimmergeselle, der vor allem in den Duetten mit Isabelle Razawi als kokette, stimmschöne Marie glänzt. Christoph Erpenbecks Stimme hat wieder ihren alten Glanz – trotz Hustenattacken. Als selbstverliebter Bürgermeister van Bett darf er den Schalk aus den Augen blitzen lassen. Nach fast drei Stunden applaudierte das Publikum minutenlang für eine Premiere, die alles andere war als ein Provisorium.
Zar und Zimmermann Ein rundum gelungener Abend, der die Leichtigkeit der Komischen Oper atmet ohne auf nachdenkliche Momente zu verzichten
Quelle: RP